| CineNet: Mr. Gilliam, an einer Stelle von "Fear and Loathing..." bemerkt Johnny Depp's Figur, dass der "Bazooka Circus" (eine fiktive Abwandlung des Casinos "Circus Circus") der Ort sei, an dem sich die Hippies aufhalten würden, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten. Sehen Sie Las Vegas als einen Ort von diktatorischer Freude an, bei dem man Spass haben muss, um zu überleben? |
![]() Gilliam: Mhmm, nein, ich denke, es ist ein Ort, der einen ermutigt, dumm zu sein und das Umögliche zu glauben. Die Stadt ist verwirrend und zu diesem Zweck wurde sie auch erbaut. Sie verführt einen mit billigen Hotels, billigem Essen und einer aussergewöhnlich schrägen, halbwegs magischen "Disneyland"-Welt. Zumindest ist das heute der Fall, früher war das anders. Und dennoch vermag der Ort einen zu überzeugen, dass man gewinnen kann. Was wirklich seltsam ist, denn alle Casinos existieren nur, weil die Leute verlieren, und trotzdem wird man verleitet zu glauben, dass man gewinnen kann, was es gleichsam zu einem sehr faszinierenden Ort macht. |
| CineNet: War es schwer für Sie, die "amerikanische" Atmosphäre von 1971 wiederzubeleben, da Sie zu dieser Zeit ja vorwiegend in England mit der "Monty Python"-Truppe zu tun hatten? |
Gilliam: Nein, ich verliess Amerika 1967 und ich machte auch in England genug Erfahrungen, um diese Ära
wiederzubeleben. Ausserdem entschieden wir uns sehr schnell, nicht wissenschaftlich an das Thema
heranzugehen, worauf wir anfingen, die Dinge zu zerzerren. Wir haben alles an seine visuellen
Grenzen gedrängt und zurückblickend haben wir eigentlich Dantes "Göttliche
Komödie" gedreht, denn die Casinos waren wie verschiedene Schichten der Hölle.Zu Beginn versuchten wir natürlich, akkurat zu sein, nur erreicht man irgendwann einen Punkt, an dem man einfach loslässt und sich versichert, dass nichts im Film ist, was nicht hineingehört. Hinzu kam, dass die einzige Strasse, die noch so aussieht wie in den Siebzigern, mit alten Motels besiedelt und mit Dealern und Junkies bevölkert ist. Das ist alles, was vom alten Vegas noch übrig ist, was kaum Raum für viel Realität übrigliess. |
| CineNet: In den meisten Ihrer Filme geht es um das Thema des Träumens, um Halluzinationen, die auf natürliche Art hervorgerufen werden. Was der totale Gegensatz von "Fear and Loathing..." ist. Denken Sie, dass auf eine "Hitchcock"-ähnliche Weise der menschliche Geist furchterregendere Halluzinationen erzeugt als jene, die durch Drogen hervorgerufen werden? |
Gillam: Nun, die Drogen waren schon im Buch vorhanden, und die Figuren werden damit angetrieben. Aber der Film handelt nicht von Drogen. Gewisse Drogen besitzen gewisse
Qualitäten, wie zum Beispiel "Acid", das bestimmte Halluzinationen hervorruft, und "Äther",
wie im Film erwähnt, besitzt ebenfalls seine eigenen Wirkungen. Das sind aber auch die
einzigen Dinge, die wir versucht haben zu beschreiben. Abgesehen davon, die extremste
Droge im Film, "Adrenachrom", gibt es nicht. Es geht in "Fear and Loathing..." also wirklich
nicht um Drogen, sondern um Angst und Abscheu, um Paranoia, ums Leben bis zum Exzess
und den Versuch, die Grenzen zu erweitern. Letztlich leben wir ja alle von Drogen, wir konsumieren sie tagtäglich. Wir sind eine absolut auf Drogen aufgebaute Gesellschaft. Will man nicht zu depressiv sein, nimmt man "Prozac", sind die Kinder zu hyperaktiv, gibt man ihnen "Ritalin", diese Drogen sind legal, sie verschliessen die Menschen und machen sie unberührbar für andere. Wogegen die Drogen in den Sechzigern das totale Gegenteil waren. Die modernen Drogen machen das Leben einfacher, aber nicht besser, denn man lebt nicht mehr. Für mich bedeutet "Leben" die Aufs und Abs, heute schneiden wir diese Höchst- und Tiefstpunkte weg und bewegen uns nur noch waagerecht. Wir nehmen Drogen, damit wir schneller rennen, länger leben und neuerdings Sex haben können, bis wir 100 sind. Es geht nur noch um die Leistung und nicht mehr um die Erfahrung. In den Sechzigern "flogen" die Menschen; einige wurden durch Drogen geschädigt, andere nicht, aber das Interessante dabei ist, dass die Drogen für viele Türen zu Welten öffneten, über die sie bis dato nie nachgedacht hatten. Ich selbst habe nie Drogen genommen, weil ich die Erfahrungen, die man mir beschrieb, schon erlebt hatte. Aber eine Menge Menschen haben danach die Welt mit anderen Augen betrachtet, weshalb ich immer noch glaube, dass man alles bis zu seinen Grenzen erfahren sollte. (Hält kurz inne) Ich weiss nicht, ob das die Antwort auf Ihre Frage war? |
| CineNet (Ganz benommen von diesem Wortschwall): Nun, es ging mir eigentlich darum zu erfahren, ob Sie den Geist für den besseren Halluzinations-Lieferanten halten als eine Droge? |
Gilliam (Wieder mit vollem Elan): Nun, die jüngsten Studien über die Funktionen des Geistes
haben ergeben, dass der Geist konstant etwas fabriziert, und wenn man in den Geist hineinsehen könnte, wäre er ein Raum voller Fantasten, die alle verrückte Geschichten
erzählen. Darauf melden sich jedoch die Sinne, welche einen davor bewahren, das Fantastische
zu tun. Bei den meisten Menschen sind diese Sinne so geschärft, dass ihnen jede Fantasterei verborgen bleibt. Ein kleines Kind hingegen ignoriert
seine Sinne, weshalb es immer eines meiner Hauptziele war, nicht erwachsen zu werden,
damit alles immer neu und interessant bleibt und nie irgendwelche Möglichkeiten
eingeschränkt werden. Meistens wird man jedoch mit dem Alter abgeklärter und ignoranter,
dabei heisst Erwachsenwerden doch "Welche-Fragen-nicht-zu-stellen".
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| CineNet: Im Gegensatz zu Ihren anderen Projekten wurden Sie in dieses Projekt beinahe hineingedrängt. War das Wasser sehr kalt, um darin schwimmen zu lernen? |
Gilliam: Ich wurde nicht gedrängt, ich bin einfach gesprungen. Es gab schon ein Drehbuch
und gewisse Vorbereitungen waren bereits getroffen worden. Johnny und Benicio waren ebenfalls bereits an
Bord. Und das erste, was ich tat, war das alte Drehbuch wegzuwerfen, ein neues zu schreiben und
das Budget zu verdoppeln, denn für diesen Film waren die finanziellen Möglichkeiten am Anfang geradezu unmöglich. Es war ein Abenteuer, mit wenig Geld und hohem Tempo dieses Buch
zu verfilmen. Besonders weil soviele Leute behaupteten, dass man es nicht realisieren könnte,
was ohnehin immer ein guter Grund ist, etwas zu tun, wenn alle sagen, dass man es nicht tun
kann. Am Ende drehten wir einen Film mit einer gewerkschaftlich organisierten Crew für
circa 18.5 Mio. $, etwas, wovon auch die meisten überzeugt waren, dass man das nicht tun
konnte. Aber wir haben es getan. (Lächelt leicht verschmitzt) Das ist mein Job: Bezahlt zu
werden, um etwas zu tun, was viele für unmöglich halten.
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| CineNet: Sam Lowry in "Brazil", Parry in "The Fisher King", und Bruce Willis' Figur James Cole in "12 Monkeys" befinden sich alle im Verlaufe des jeweiligen Films mindestens einmal in einer Irrenanstalt, wobei weder Duke noch Gonzo, zwei der wohl verrücktesten Figuren aus ihrem Kabinett, nie dort enden. |
| Gilliam: Weil sie nicht verrückt sind! Die Welt, die sie umgibt, ist verrückt. Sie begeben sich bis an die Grenze des Normalen, ohne jedoch klinisch wahnsinnig zu werden. Alle Figuren in "Fear and Loathing..." jagen einer Wahrheit oder einem Verständnis nach. Das ist es, was sie verbindet. Nun, die meisten Kritiker denken, sie seien verrückt. Ich denke, sie benehmen sich nicht normal oder auf eine verantwortungsvolle Weise - zumindest nicht nach heutigen Werten. |
| CineNet: Der Kampf um "Brazil", wo es darum ging, ihre Version des Filmes in die Kinos zu bringen, ist ja sehr gut dokumentiert. In "Fear and Loathing..." gibt es eine Sequenz, wo ein einfacher Hotelangestellter anfängt, einen Polizisten auf die rüdeste Weise zu beschimpfen. In wieweit kann ein einzelner Mensch gegen eine grosse Autorität eine Verschiebung der Macht erzwingen? |
Gilliam: Ich denke, man muss wirklich an das glauben, was man tut, und es dann auch tun. Das ist wirklich alles, was man ausrichten kann, denn die
Leute in Hollywood verwenden ihre Macht auf eine Weise, wie es in der vormaligen
Sowjetunion der Fall war, indem man einfach "njet" sagt. Keiner von den Studiochefs weiss,
was er machen will, sie wissen nicht, was ihnen garantiert Geld einbringen wird. Also sagen
sie einfach "Nein". Ich habe gelernt, dass wenn ich einfach still stehe und meine Position lange
genug verteidige, um ihre Position zu kompensieren, sich irgendwann alles um mich zu drehen beginnt.
Denn niemand ist willens, oder überzeugt genug zu wissen, was er tun will. Ich hasse meinen Kampf mit den Studios, und im Falle von "Brazil" hatte das Studio
absolute Kontrolle darüber, und ich konnte nicht die Version veröffentlichen, die ich wollte,
weshalb ich in den Krieg zog. Heutzutage kennt man mich besser, ich hatte genug Erfolge. Nun
denkt man, ich wisse, was ich tue, und das gibt mir genug Macht und Selbstvertrauen, um
weiterzuarbeiten. Aber auch jetzt ist alles noch limitiert. Ich arbeite schon lange an einem
Projekt, das etwa 60 Mio. $ kosten wird, und das ist zu viel Geld für diese Art von Projekt.
Weshalb ich es nun für 30 Millionen zu verwirklichen versuche. Nur die Szenerien, die ich hier kreieren will, sind nicht besonders günstig, besonderso im Bereich der Special-Effects muss ich mir einige Alternativen einfallen lassen. Vielleicht werde ich auf meine Animationen aus den "Monty Python"-Zeiten zurückgreifen und baue die Sets alle aus Karton. In Hollywood - und im
Filmgeschäft allgemein - muss man lernen, quer zu denken und Umwege einzuschlagen, um
ans Ziel zu kommen.
CineNet: Mr. Gilliam, vielen Dank für dieses Gespräch. |